Liturgische Ecke

Neue Altarbibel
Im Gottesdienst am 31. Oktober 2016 haben wir eine neue Altarbibel in Gebrauch genommen. Mitte Oktober war die revidierte Lutherbibel der Öffentlichkeit übergeben worden. Über 70 Fachleute haben in den letzten Jahren an der Revision der Lutherbibel gearbeitet. Sie sollten die Übersetzung Martin Luthers kritisch durchsehen und dort ändern, wo es der hebräische und griechische Urtext erfordert. Eine sprachliche Modernisierung war ausdrücklich nicht angestrebt, vielmehr sollten Luthers kräftiges Deutsch und die liturgische Brauchbarkeit erhalten bleiben. Zur Überraschung der Beteiligten erwiesen sich im Zuge der Revision viele ursprüngliche Formulierungen Luthers als treffender als manche späteren Korrekturen. Mit der Lutherbibel 2017 liegt nun eine Fassung vor, die sich sorgfältig am Urtext orientiert und dabei an vielen Stellen zu den Formulierungen der Wittenberger Reformatoren zurückkehrt. Die neue Altarbibel, die der Frauenkreis gestiftet hat, soll künftig nicht wie ein Museumsstück auf dem Altar liegen. Die biblischen Lesungen werden aus der Altarbibel gelesen. So wird deutlich: die Bibel ist nicht nur ein Buch der Vergangenheit, sondern wird hier und heute laut. Wir vertrauen darauf, dass Gott auch heute sein klärendes, zurechtweisendes und tröstendes Wort durch das Wort der Bibel in unsere Gegenwart hineinspricht. Es ist evangelische Sitte, die Bibel auf den Altar zu legen. Der Altar ist ein Sinnbild für die Begegnung zwischen Mensch und Gott. Das aufgeschlagene Bibelbuch ist ein eindrückliches Bild für die Hörbereitschaft der christlichen Gemeinde. Zugleich erinnert es daran, dass Gott nicht ein stummer Götze ist, sondern sich gerade darin als der Lebendige erweist, dass er auch heute noch Menschen „anspricht“ und bewegt.

Schweigen oder reden?
Wenn Menschen zusammen kommen, haben sie das Bedürfnis, mit einander ins Gespräch zu kommen, besonders dann, wenn sie sich lange nicht mehr gesehen haben. So ist es verständlich, wenn auch vor einer Beerdigung oder Trauerfeier Menschen einander begrüßen und sich austauschen. Problematisch finde ich es, wenn unmittelbar vor Beginn der Trauerfeier noch lebhafte Unterhaltungen in der Friedhofskapelle im Gange sind. Notwendige Absprachen und Mitteilungen sollten vor der Friedhofskapelle stattfinden. Es ist angemessen, wenn Menschen, die an einer Trauerfeier teilnehmen, sich schweigend in der Kapelle einfinden. Das achtet auch die Gefühle und Gedanken derer, die in besonderer Weise vom Tod eines Menschen betroffen worden sind. Das Glasfenster in der Kapelle, das von der noch in Bammental lebenden Künstlerin Prof. Pfisterer-Pfromm gestaltet wurde, ist eine gute Hilfe, ruhig und empfänglich zu werden für das Licht der Gegenwart Gottes. Ein stilles Gebet für die Angehörigen und die Bitte um eine gesegnete Stunde des Abschieds helfen aus aller Zerstreuung der Gedanken. Wenn wir nach der Trauerfeier gemeinsam zum Grab gehen, sollten wir diesen Weg auch in innerer Sammlung zurücklegen. Nicht selten nutzen Besucher und Besucherinnen die kurze Wegstrecke für angeregte Gespräche. Wie oft werden dann wohl auch Belanglosigkeiten ausgetauscht? Vielleicht ist es gut, auf dem Weg zum Grab die biblische Bitte zu bedenken: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Oder wir meditieren ein anderes Bibelwort, vielleicht unseren Konfirmationsspruch und fragen uns, welche Hilfen wir daraus empfangen zum Leben und zum Sterben in der Verantwortung vor Gott. Nehmen wir an einer Trauerfeier teil, dann wird es gut sein, wenn wir uns mit Leib und Seele darauf einlassen und unser Herz öffnen für die Worte der Hoffnung. Alles hat seine Zeit: Reden hat seine Zeit und Schweigen hat seine Zeit.

Pfingsten
Der Name Pfingsten kommt von dem griechischen Wort pentekoste( fünfzig) und meint das Fest, das am 50. Tag nach Ostern gefeiert wird. In der Apostelgeschichte in der Bibel erzählt Lukas, wie an diesem Tag der Heilige Geist wie Sturm und Feuer über die kleine Schar der Jesus-Anhänger kommt und sie den Mut findet, die gute Nachricht von Jesus Christus öffentlich zu verkünden. So feiern wir an Pfingsten das Fest des Heiligen Geistes, der noch heute wirkt, Menschen aus allen Sprachen und Völkern in der einen Kirche Jesu Christi sammelt und sie zum Glauben und in die Nachfolge Jesu ruft. Pfingsten kann nicht aus der Verbindung mit dem Osterfest gelöst werden. Der Heilige Geist ist nicht zu verwechseln mit natürlicher Vitalität, und der Christus, an den wir glauben, ist nicht nur eine geschichtliche Erinnerung. Im Heiligen Geist ist Christus in uns und in seiner Kirche lebendig gegenwärtig. Nach dem Bericht des Lukas hatten sich an Pfingsten Juden aus vielen Ländern in Jerusalem zu einem Wallfahrtsfest versammelt. Weil alle in ihrer eigenen Sprache von den großen Taten Gottes die Jünger reden hörten, ist Pfingsten  ein Bild für die Überwindung der Zerspaltenheit der Völker in Sprachen und Kulturen, in denen keiner des anderen Wort versteht. Der Pfingstgeist wirkt unter allen Völkern,  und im Hören auf das Wort Gottes, im Lobpreis seiner Taten und im Tun des Guten wissen sich alle Christen und Christinnen verbunden über alle Verschiedenheiten der Sprache und Rasse und kulturellen Prägung hinweg.

Heilige Drei Könige oder Epiphanias?
Im Volksmund heißt der 6. Januar Dreikönigstag oder Heilige Drei Könige. Im evangelischen Bereich ist die Bezeichnung Epiphanias gebräuchlich. In den griechischen Quellen heißt das Fest epiphaneia. Epiphanie bedeutet Erscheinung. Woher kommt dieses Fest, das noch im Kalender steht, aber von evangelischen Christen und Christinnen wenig geschätzt wird? Im heidnischen Ägypten feierte man in der Nacht vom 5. zum 6. Januar die Geburt des Sonnengottes Aion aus der Jungfrau Kore. Vermutlich knüpfte schon im 3. Jahrhundert die christlich-gnostische Sekte der Basilidianer an diesen Brauch an und feierte am 6. Januar in einem nächtlichen Gottesdienst die Taufe Jesu im Jordan, die sie als die eigentliche Zeugung und Geburt des Christus verstand. Wahrscheinlich hat die Kirche in Ägypten zu Beginn des 4. Jahrhunderts das Fest der Basilidianer übernommen bzw. ihm ein eigenes entgegengesetzt. Die Ursprünge des Epiphaniefestes liegen jedenfalls in Ägypten, genauer in Alexandria. Das Fest hatte hier sowohl die Taufe Jesu als auch seine Geburt zum Inhalt. Auch das erste Zeichen Jesu- die Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana- gehörte zu den Festinhalten. Als man später von den westlichen Kirchen das Weihnachtsfest übernahm, wanderte das Motiv der Menschwerdung Gottes vom 6. Januar auf den 25. Dezember. Der 6. Januar stand jetzt vornehmlich im Zeichen von Jesu Taufe. In der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts breitete sich das Fest rasch in den Kirchen des Ostens wie des Westens aus. In Rom wurde der Motivkomplex ‚Anbetung der Weisen – Taufe- Hochzeit zu Kana‘ auseinander gefaltet: am 6. Januar stand die Anbetung der Weisen im Mittelpunkt, am 8. Tag nach Epiphanie gedachte man der Taufe Jesu und am Sonntag darauf der Hochzeit zu Kana. Diese Reihenfolge liegt auch der Leseordnung der evang. Kirche  zugrunde: am 6. Januar wird die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus gelesen, die vom Kommen und der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland erzählt. Am ersten Sonntag nach dem Epiphaniasfest hört die Gemeinde den Bericht von der Taufe Jesu und am darauf folgenden Sonntag steht die Erzählung von der Hochzeit zu Kana und der Verwandlung von Wasser in Wein im Mittelpunkt. Alle diese Geschichten akzentuieren die Epiphanie, die in Jesu Weg und Tun zum Vorschein kommt. In ihm scheint Gottes Herrlichkeit auf.

Wie aus dem Sabbat der Sonntag wurde
Der Feiertag des Judentums ist der letzte Tag der jüdisch gezählten Woche, der Sabbat. Er wird verstanden als Geschenk Gottes zur Ruhe für sein Volk und ist zugleich ein Zeichen zwischen Gott und seinem Volk (2.Mose 31,13). Der Mensch darf alles „lassen“, was ihn sonst auf Trab hält. Auch die Tiere sollen teilhaben an dieser Ruhe. Besonders in der Zeit des Exils im 6. Jahrhundert vor Christus wurde der Sabbat zu einem Bekenntniszeichen der Treue Israels zu seinem Gott. Die ersten Christen waren Juden. Selbstverständlich haben sie den  Sabbat gehalten. Auch Juden heute, die an Jesus als den Messias glauben, halten den Sabbat. Der christliche Sonntag als der erste Tag der jüdischen Woche ist jener Tag, an dem Jesus vom Tode auferstanden ist. ( Markus 16,2; Johannes 20,1.19).  In Erinnerung daran wurde er als „Tag des Herrn“ ( Offenbarung 1,10) gefeiert. Dieser wöchentliche Ostertag wurde am Anfang nur gottesdienstlich begangen und war nicht mit einer allgemeinen Arbeitsruhe verbunden.  Erst  Kaiser Konstantin der Große hat den Sonntag im Jahr 321 zum staatlichen Feiertag erhoben. So hat der Sonntag im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr Aspekte und Funktionen, die ursprünglich dem Sabbat eigen waren, übernommen. Martin Luther verstand den Sonntag vor allem als einen Tag für den Gottesdienst. Im Kleinen Katechismus sagt er: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“ Staatliche Gesetzgebung schützt bis heute den Sonntag als Ruhetag. Er eröffnet einen Raum der Freiheit vom Zwang der alltäglichen Arbeit und gibt Gelegenheit zur leiblichen und seelischen Erholung, zu Spiel und Feier in Familie und Freundschaft. Als Christinnen und Christen nutzen wir die geschenkte Zeit, um Gottesdienst zu feiern und Gottes Wort für unsere Gegenwart zu bedenken. Als kleines Osterfest erinnert der Sonntag immer auch an die Auferweckung Jesu aus dem Tod, und in der Arbeitsruhe erleben wir das Sabbatliche dieses Tages: Wir leben nicht von dem, was wir leisten und können, sondern aus dem, was Gott uns schenkt.

Beichten
Beichten sei typisch katholisch, meinen viele evangelische Christen. Sie wundern sich dann, wenn sie in ihrem ev. Gesangbuch unter der Nummer 794 ff. Gedanken und Gebete zur Beichte finden. Aber das hat seinen guten Grund. Die christliche Kirche hat von ihrem Herrn den Auftrag erhalten, den Menschen, die von der Gewissenslast einer Schuld freiwerden wollen, die Vergebung zuzusprechen und ihnen so zu einem neuen Anfang zu helfen. In der Beichte wird erkannte Schuld ausgesprochen und das Verlangen nach Versöhnung mit Gott und den Menschen bekundet.
Die Beichte wird in einem Gottesdienst ( Gemeinsame Beichte) oder auch unter vier Augen ( Einzelbeichte) vollzogen. Früher wurde in der ev. Kirche vor jeder Abendmahlsfeier eine gemeinsame Beichte gehalten. In unserer Gemeinde halten wir in der Adventszeit und am Karfreitag eine besondere Beichtfeier. Oft ist diese gemeinsame Beichte auch verbunden mit dem Angebot, sich persönlich segnen zu lassen. Zur Einzelbeichte wendet man sich an einen Pfarrer oder eine Pfarrerin, die durch ihre Ordination zur Wahrung des Beichtgeheimnisses verpflichtet sind, oder auch an einen anderen Christen, zu dem man Vertrauen hat. Das Beichtgeheimnis genießt gesetzlichen Schutz.
Martin Luther ist sein Leben lang zur Beichte gegangen, meistens zum Stadtpfarrer von Wittenberg Johannes Bugenhagen. Er notierte einmal: „Ich will mir die heimliche Beichte nicht nehmen lassen. Ich will auch niemand dazu zwingen oder gezwungen haben, sondern sie einem jeglichen frei anheimstellen. Unser Gott ist nicht so arm, dass er uns nur eine Absolution und nur einen Trostspruch zur Stärkung und Tröstung unseres Gewissens gelassen hätte; sondern wir haben viel Absolution im Evangelium und sind reichlich mit viel Tröstungen überschüttet. Diese Tröstungen und Zusagen sollen wir nicht verachten, sie von unseren Brüdern zu fordern und zu hören.“
Das also war Luther wichtig: dass niemand zur Beichte gezwungen wird. Und dass wir nur „die Sünden bekennen, die wir wissen und fühlen im Herzen.“ Im Kleinen Katechismus erklärt Luther die Beichte so: „Die Beichte begreift zwei Stücke in sich: eins, dass man die Sünden bekenne, das andere, dass man die Absolution oder Vergebung vom Beichtiger empfange als von Gott selbst und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel.“

Vorläuten
Sonntags feiern wir in unserer Kirche um 10 Uhr Gottesdienst. Kurz vor 10 Uhr läuten alle vier Glocken zusammen und legen über die Dächer einen mehrstimmigen Klangteppich. Die Glocken be-ton-en die Einladung zum Gottesdienst. Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, warum bereits um 9 Uhr die Taufglocke und um 9.30 Uhr die Friedensglocke für etwas drei Minuten geläutet werden. Dieses „Vorläuten“ stammt noch aus einer Zeit, in der nicht in jedem Haus eine Uhr vorhanden war. Das erste Vorläuten erinnerte alle, die noch im Stall bei der Tierfütterung zugange waren, dass es jetzt Zeit war, die Arbeitskleider auszuziehen und das Sonntagskleid anzulegen. Beim zweiten Vorläuten machten sich die Menschen auf den Weg zur Kirche. Die Zeiten haben sich geändert. Der Gottesdienst beginnt nicht mehr so früh wie früher und in jedem Haushalt gibt es mehr als eine Uhr. Freilich: die Sitte des Vorläutens ist geblieben. Hat sie noch einen Sinn?  Vielleicht sind die Glocken, die beim Vorläuten erklingen, eine Hilfe, sich auf den Gottesdienst auch innerlich einzustellen. Wer in den Gottesdienst „hinein stolpert“ oder „hinein hetzt“, darf sich nicht wundern, wenn er nicht wirklich ankommt. Das Faltblatt „Glockengebete“, das im Gemeindehaus und in der Kirche ausliegt, enthält Gebete, die Sie beim Vorläuten sprechen können. Betend öffnen Sie sich dann für die Gemeinschaft mit anderen und die Begegnung mit Gott.

Es läutet. Bald mache ich mich auf den Weg zur Kirche.
Gott, segne meinen Weg. Segne die Zeit des Gottesdienstes.
Ich suche Halt und Hilfe.
Gib mir ein Wort, das mich berührt.
Mache mich offen für dich und für die Menschen, mit denen ich dich loben werde.

                                 * * * * *

Guter Gott, es ist Sonntag. Ich höre die Glocke.
Sie lädt mich ein, zu dir, Gott, zu kommen.
Ich suche Geborgenheit und Gemeinschaft.
Lass mich etwas davon erfahren, wenn ich mit anderen singe, bete und auf dein Wort höre.

Osterlachen
Haben Sie im Gottesdienst schon einmal herzhaft gelacht? Früher jedenfalls gab es den Brauch, an Ostern die Gottesdienstgemeinde zum Lachen zu bringen. Besonders im Spätmittelalter hatten die Prediger Freude daran, den Menschen Geschichten zu erzählen, über die sie herzhaft lachen mussten. In diesem Osterlachen sollte die Osterfreude zum Ausdruck gebracht werden. Jesus hat den Tod besiegt, darum lachen wir den Tod aus. Er hat nicht mehr die Macht, uns von der Liebe Gottes zu trennen. Der Tod hat sich an Christus „verschluckt“. Nun ist er der Lächerlichkeit preisgegeben. Da im Spätmittelalter auch mit obszönen Handlungen und Worten versucht wurde, die Gemeinde zum Lachen zu bringen, stieß das Osterlachen im Protestantismus auf scharfe Kritik. So geht der Begriff risus paschalis (Osterlachen) zurück auf den Reformator Johannes Ökolampad, der einen Brief gegen diesen Brauch geschrieben hatte. Im 18. Jahrhundert wurde das Osterlachen immer seltener. In einem Osterlied Paul Gerhardts schimmert der Brauch des Osterlachens noch durch, wenn es heißt:

„Die Welt ist mir ein Lachen mit ihrem großen Zorn…“ ( EG 112,5)

Verlorenes können wir nicht einfach wiederbeleben, aber wir wissen alle etwas von der befreiende Kraft des Lachens. Wehren wir uns also nicht, wenn in uns der Osterglaube lebendig wird und uns zum Lachen verführt.

Aussegnung
Ein Mensch ist gestorben. Die Angehörigen haben dem Toten Augen und Mund geschlossen und die Hände zusammengelegt. Als Ausdruck des Glaubens und der Hoffnung haben sie eine Kerze entzündet. Der Tote soll über Nacht noch im Haus bleiben, so haben alle genug Zeit, auch persönlich Abschied zu nehmen. Den Angehörigen ist es wichtig, dass über dem Toten der Abschieds- oder Valetsegen gesprochen wird. Darum haben sie den Pfarrer oder die Pfarrerin gerufen, die Aussegnung zu halten. Alle stehen um das Bett, in dem der Tote liegt. Es ist still im Raum. In einem Gebet wird ausgesprochen, was die Angehörigen empfinden und Gott wird um seine Nähe gebeten. Ein Wort der Bibel bringt zum Ausdruck, dass uns nichts trennen kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus sichtbar geworden ist. Der Pfarrer legt dem Toten die Hand auf den Kopf und spricht den Abschiedssegen:

Wir vertrauen N.N. dem lebendigen Gott an:
Es segne dich Gott, der Vater,
der dich nach seinem Bild geschaffen hat.
Es segne dich Gott, der Sohn,
der dich durch sein Leiden und Sterben erlöst hat.
Es segne dich Gott, der Heilige Geist,
der dich zum Leben gerufen und geheiligt hat.
Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist
geleite dich durch das Dunkel des Todes.
Er sei dir gnädig im Gericht und gebe dir Frieden und ewiges Leben. Amen

Danach beten alle gemeinsam das Vaterunser und ein Segenswort beendet die Aussegnungsfeier. In einem Nebenraum können dann Angehörige und Pfarrer weitere Absprachen treffen.

Früher war diese „Aussegnung“ normal, heute wird sie immer seltener gehalten. Vielleicht entdecken wir sie neu! Sie ist eine Hilfe, den Toten der Gnade Gottes anzubefehlen und gibt den trauernden Angehörigen Halt. Wenn der Tod „sprachlos“ macht, leiht uns die Feier der Aussegnung Worte, so dass Klage, Dank, Bitte und Hoffnung zur Sprache kommen.

Kanzelrecht
Frau M. ist seit vielen Jahren im Frauenkreis der Gemeinde engagiert. Sie liest theologische Bücher und hat ihren Pfarrer schon in manches Gespräch verwickelt. Sonntags ist ihr Platz unter der Kanzel. Sie sagt: „Das brauche ich, sonst vertrocknet mein Glaube!“  Seit einiger Zeit macht sich bei ihr ein Unbehagen breit. Sie hat das Gefühl, sonntags „leer“ nach Hause zu gehen. Die Predigten ihres Pfarrers sind ihr zu oberflächlich. Sie vermisst theologischen Tiefgang. Eines Tages überrascht sie ihren Pfarrer mit diesem Vorschlag: „Herr Pfarrer, nächsten Sonntag haben Sie frei. Pastor K. von der freikirchlichen Gemeinde wird die Predigt halten.“ Pfarrer L. erschrickt und wehrt ab: „Aber Frau M, das geht doch nicht!“ Frau M. ist nicht auf den Mund gefallen: „Doch, doch, Herr Pfarrer. Das geht schon. Ich bin doch ein engagiertes Gemeindeglied. Die Kirche ist auch meine Kirche. Ich will doch nur das Beste für unsere Gemeinde.“

Darf Pastor K. die Kanzel besteigen und die Predigt halten?
Nicht ohne Zustimmung  von Pfarrer L. Ihm steht als dem verantwortlichen Pfarrer das „Kanzelrecht“ zu. Er hat das ausschließliche Recht auf die Inanspruchnahme der Kanzel, um in einem öffentlichen Gottesdienst das Evangelium zu verkündigen.
Pastoren und Pastorinnen oder auch theologisch gebildete Ehrenamtliche, die nicht einer Gliedkirche der evangelischen Kirche in Deutschland angehören, dürfen die Kanzel nur dann betreten und zur Verkündigung nutzen, wenn der verantwortliche Pfarrer zugestimmt hat. Vor seiner Zustimmung wird er sich davon überzeugen, dass die fremde Prediger oder die fremde Predigerin „schrift- und bekenntnisgemäß“ predigen. Das „Kanzelrecht“, das der Ortspfarrer innehat,  soll also dazu dienen, dass auf der Kanzel nicht irgendetwas verkündigt wird, sondern das Evangelium von Jesus Christus. Die Grundordnung unserer Kirche kennt auch „höhere Kanzelrechte“, die dem Dekan/ der Dekanin und den Oberkirchenräten zustehen. Sollte es also zwischen Frau M. und Pfarrer L. zu einem Streit gekommen, der auch weite Teile der Gemeinde in Aufregung versetzt, dann könnte der Dekan oder ein Oberkirchenrat die Bammentaler Kanzel betreten und ein klärendes Wort sprechen. Gemäß dem Kanzelrecht hat übrigens nicht nur der Pfarrer dafür Sorge zu tragen, dass auf der Kanzel die gute Nachricht von Jesus Christus zur Sprache kommt. Die Grundordnung unserer Kirche sieht auch die Kirchenältesten in der Mitverantwortung.

Mit den Engeln singen
Wenn wir Gottesdienst feiern, nehmen wir den Mund „ganz schön voll“. In der Regel stimmen wir mit den Worten „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen sein Wohlgefallen“ ein in den Lobgesang der Engel. In der Nacht, da Christus geboren wurde- so erzählt Lukas in seinem Evangelium- vernahmen die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem nicht nur die Botschaft von der Geburt des Retters, sondern auch den Lobpreis, den die Menge der himmlischen Heerscharen Gott darbrachten. Die Worte, die uns Lukas überliefert hat, sind wohl der schwache Versuch, in menschlicher Sprache auszudrücken, was doch das Gefäß jeder menschlichen Sprache sprengt und was von keinem menschlichen Ohr vernommen und von keiner menschlichen Zunge geformt werden kann. So legt uns die Liturgie Worte in den Mund, die unser Sprechen „überschwänglich“ machen und uns daran erinnern, dass wir mit unseren Liedern und unserem Singen einstimmen in den Lobpreis der unsichtbaren Welt. Oder anders gesagt: Darf nicht unser irdisches Singen und Beten ein Echo sein jener himmlischen Liturgie, die kein menschliches Ohr vernehmen kann und die doch in unserem Singen und beten widerklingen will?
Feiern wir Gottesdienst, überschreiten wir im Singen und in der Anbetung „Grenzen“. Wir bleiben nicht unter uns, die „Himmlischen“ werden gegenwärtig und feuern uns an.
In dem wir einstimmen in den weihnachtlichen Lobgesang der Engel, fällt auf jeden Sonntag ein wenig weihnachtlicher Glanz. Wenn Gott die Ehre zuteil wird, die ihm gebührt, macht sich unter uns und in uns jener Friede breit, der mit Christus in die Welt gekommen ist.

Gemeinschaft der Heiligen
Wenn wir im Gottesdienst oder bei Tauffeiern das christliche Glaubensbekenntnis sprechen, bekennen wir auch die „Gemeinschaft der Heiligen“. Sind Christinnen und Christen heilig? Nein, wenn heilig bedeutet, dass sie ohne Fehler sind und Vergebung nicht mehr nötig haben. Ja, sie sind heilig, denn sie glauben, dass sie zu Gott gehören. Heilig ist  kein moralischer Begriff, sondern meint die Zugehörigkeit zu Gott. Der Apostel Paulus spricht in seinen Briefen die Briefempfänger oft als „Heilige“ oder als „in Christus Geheiligte“ an. Heilig sind die Gläubigen nicht aus sich heraus, sondern wenn der Heilige Geist sie „beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben“ (M. Luther, Kleiner Katechismus).  Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen ist demnach kein Produkt menschlicher Planung. Sie ist kein Verein, sie entsteht nicht durch einen Gründungsbeschluss ihrer Mitglieder. Die Gemeinschaft der Heiligen entsteht dort, wo Menschen mit dem Evangelium von Jesus Christus in Berührung kommen und in den Sakramenten Taufe und Abendmahl Jesu heilsame, tröstende und verändernde Nähe erfahren.  In der lateinischen Sprache heißt Gemeinschaft der Heiligen communio sanctorum. Dieser Ausdruck kann auch als Gemeinschaft am Heiligen verstanden werden.  Im Wort der Verkündigung und im Abendmahl gibt der heilige Gott Anteil an seiner Liebe. In seiner Geistesgegenwart zieht er Menschen hinein in das Kraftfeld seiner heilenden und versöhnenden Liebe und bewirkt die Gemeinschaft der Heiligen.

Woher kommt der Brauch mit dem Aschekreuz?
Beim politischen Aschermittwoch wird Klartext geredet und der politische Gegner heftig attackiert. Beim kirchlichen Aschermittwoch wird auch Klartext geredet. Den Gläubigen wird ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet mit den Worten: „ Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst“ ( nach 1. Mose 3,19). Das ist Klartext. Er hilft zu jener Klugheit, um die ein Psalmbeter bittet: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90)
Woher kommt dieser Brauch mit dem Aschekreuz?
Mit dem Aschermittwoch beginnt die vierzigtägige Fasten- oder Passionszeit als Zeit der Besinnung auf Ostern hin. Der besondere Charakter und die liturgische Ausgestaltung dieses Tages hängen mit der altkirchlichen Bußpraxis zusammen. In Gallien wurden die öffentlichen Büßer zu Beginn der Fastenzeit in Nachbildung der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies aus der Kirche vertrieben. Sie mussten ein Bußgewand anlegen und wurden mit Asche bestreut. Die Asche ist seit alters her ein Zeichen er Buße, der Reue und der Umkehr. Aus Solidarität mit den Büßern, die vom Abendmahl ausgeschlossen wurden, beteiligten sich mehr und mehr auch die anderen Gläubigen an diesem Ascheritus. Als im 9. und 10. Jahrhundert die Praxis der öffentlichen Kirchenbuße verkümmerte und schließlich ganz verloren ging, blieb der Brauch, sich mit Asche bestreuen zu lassen, erhalten. Alle Gläubigen unterzogen sich jetzt diesem Ritus, den Frauen wurde ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet. Die dazu verwendete Asche wurde seit dem 12. Jahrhundert aus den Palmzweigen vom Palmsonntag des vorausgegangenen Jahres gewonnen.
In der 2011 erschienenen Agende für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden, die Gestaltungsvorschläge für die Gottesdienste in der Passions- und Osterzeit enthält,  ist der alte Ascheritus aufgenommen worden. Mit den Worten „Kommt, lasst euch zeichnen mit dem Aschekreuz zum Zeichen der Umkehr und des Segens“ werden die Gottesdienstbesucher aufgefordert, zum Altar zu treten. Dort wird ihnen das Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet mit dem Segenswort: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurück kehrst.- Kehre um und glaube an das Evangelium!“ ( 1. Mose 3,19/ Markus 1,15)

Immer dieses Aufstehen im Gottesdienst…
Konfirmandinnen und Konfirmanden stöhnen manchmal: „Immer dieses Aufstehen im Gottesdienst. Im Sitzen wäre alles viel bequemer.“  Ob es wirklich viel bequemer wäre, hängt wohl auch von den Bänken und Sitzen ab. Aber im Ernst: warum sitzen oder stehen wir im Gottesdienst? Warum gehen wir oder knien? Weil wir keine „Geistwesen“ sind, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Wir haben nicht nur einen Leib, wir sind Leib. Wenn wir Gottesdienst feiern, will auch unser Leib beten und hören und singen und Segen empfangen.
Die Praxis ist in den Gemeinden sehr verschieden. Wie „machen“ wir es in der Regel?
Nach dem Eintritt in den Kirchenraum, suchen wir uns einen Platz, grüßen die Banknachbarn und bleiben einen Augenblick stehen. Vielleicht schauen wir auf den geschmückten Altar, auf die brennenden Lichter, auf das Kreuz. Alles ist vorbereitet: Ich werde erwartet. Gott wartet auf mich. In einem stillen Gebet komme ich an in Gottes Gegenwart.
Das Eingangslied wird im Sitzen gesungen. Es ist hilfreich, wenn wir aufrecht sitzen, damit der Atem besser fließen kann. Zur Eingangsliturgie stehen wir: Pfarrer und Gemeinde grüßen einander. Wir beten, sprechen auch von dem, was uns schwer auf der Seele liegt. Wir empfangen  den Zuspruch der Vergebung und stimmen ein in das Lob Gottes. Wir hören auf Gottes Wort und antworten mit dem Bekenntnis unsres Glaubens. Dass wir stehen soll ein Zeichen sein für unsere Wachheit und Präsenz. Die Predigt hören wir im Sitzen. Das Sitzen war früher das Vorrecht der Herrschenden. Wir sind Kinder Gottes, das ist unsere Würde. In der Predigt spricht Gott durch menschliche Worte hindurch uns diese Würde zu. Zum Fürbittgebet, beim Vaterunser  und zum Segen stehen wir. Die Hände sind gefaltet oder sie öffnen sich zur Schale, als wollten sie das Erbetene empfangen. Leiblich darf sich ausdrücken, was uns innerlich bewegt und berührt. Beim Abendmahl treten wir heraus aus den Bänken und gehen zum Altar: wir be-gehen ein wunderbares Fest: Gott bittet zu Tisch und lässt uns seine Liebe schmecken. Zuvor reichen wir einander die Hände zum Gruß, gehen aufeinander zu im Frieden Jesu, der aus uns Schwestern und Brüder macht. An besonderen Tagen empfangen wir Gottes Segen auch kniend. Wir sind ganz Empfangende. Was Gott gibt, können wir uns nicht nehmen.
Die Haltungen und Gesten drücken aus, wer wir sind: Hörende, Empfangende, zur Gemeinschaft Berufene.
Ob unser „Verhalten“ dem entspricht, was im Gottesdienst geschieht? Es ist gut, hin und wieder darauf zu achten. Wenn da etwas nicht „stimmig“ ist, haben wir die Freiheit, es zu ändern.

Die Welt ins Gebet nehmen
In jedem Gottesdienst nehmen wir „die Welt ins Gebet“. Auf die Predigt, in der das Wort Gottes ausgelegt wird, folgt das „Allgemeine Kirchengebet“, das heute weithin als Fürbittengebet bezeichnet wird. Im Evangelium hören wir, wie Gott in Liebe Menschen sucht und zu einem Leben im Frieden mit ihm und unter untereinander ruft. In den Fürbitten beten wir darum, dass Gottes Friede unter uns Raum gewinnt und sein Geist unser Verhalten prägt. Neben die Fürbitte für die Kirche ( ihre Einheit, ihre Verkündigung, ihre Amtsträger und Glieder) tritt das Gebet für die Menschen, die in der Öffentlichkeit Verantwortung tragen ( in Politik, Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft, Kultur etc. ). Dann kommen die Notleidenden in den Blick ( Bedrängte, Kranke, Hungernde, vom Krieg Bedrohte, Sterbende, Traurige). In den Fürbitten tritt die christliche Gemeinde für die Welt ein und bittet Gott um sein Erbarmen und seine Weisung.
Früher sprach der Pfarrer die Fürbitten allein. Heute ergreifen öfters auch Älteste und im Gottesdienst Mitwirkende das Wort. Nicht selten nimmt die Gemeinde die Anliegen auf und stimmt in einen Bittruf ein. So wird deutlich: die Fürbitten sind nicht das Gebet eines einzelnen, sondern „das Gebet der Gläubigen“, wie die Fürbitten in frühester Zeit auch genannt wurden. Gut ist es, wenn während der Fürbitten auch Zeit gelassen wird, damit jeder und jede in der Stille auch ganz persönlich Anliegen vor Gott bringen kann.
In der Regel bereitet der Pfarrer oder die Pfarrerin das Fürbittengebet vor. Die Ereignisse der Woche und das Nachdenken über das Wort der Bibel schärfen den Blick für die Menschen, die ins Gebet genommen werden. Schön wäre es, wenn auch Fürbittanliegen der Gemeinde stärker im Fürbittgebet berücksichtig werden könnten.
Seit kurzem steht in unserer Kirche ein Fürbitt-Kasten. Dort können Sie Ihr Fürbitt-Anliegen ( auch dienstags und donnerstags während der Öffnungszeiten der Kirche ) einwerfen. Im Freitagsgebet und im Fürbittengebet sonntags wollen wir Ihre Fürbitten aufnehmen.

Sitzen oder Gehen?
Sitzen oder Gehen- diese  Frage stellt sich am Ende des Gottesdienstes. Der Segen wurde zugesprochen. Die Gemeinde hat ihn mit einem dreifach gesungenen Amen sich angeeignet. Dann setzt die Orgel ein und es kommt Bewegung unter die Gottesdienstbesucher- und besucherinnen. Viele streben dem Ausgang zu, andere bleiben noch ein wenig in kleinen Gruppen beieinander und tauschen sich aus. So ist es in Bammental Sitte. Aber hin und wieder werden die Gottesdienstbesucher gebeten, nach dem Segen noch einmal Platz zu nehmen, zum Beispiel wenn der Flötenkreis musiziert oder eine besondere Musikgruppe den Gottesdienst mitgestaltet hat und sich nun mit einem Schlussstück verabschiedet. In manchen Gemeinden bestehen die Kirchenmusiker darauf, dass die Gemeinde bei der Ausgangsmusik immer Platz nimmt, weil nur so die Musik wertgeschätzt würde. Es gibt für beide „Haltungen“ gute Gründe. Wer nach dem Segen sich noch einmal hinsetzt, kann bei der Ausgangsmusik das im Gottesdienst Gehörte und Erlebte sich dankbar bewusst machen. So klingt der Gottesdienst „in der Stille“ nach. Diese Praxis steht freilich ein wenig in Spannung zu der Aufforderung, die der Pfarrer den Menschen vor dem Segen zuspricht: „Geht hin im Frieden des Herrn!“. Wer aufgefordert wird zu gehen, will sich dann mit dem Segen Gottes auf den Weg machen und sich nicht noch einmal hinsetzen. Die Musik, die dann beim Ausgang erklingt, ist Prozessionsmusik: sie begleitet festlich hinaus in den Alltag und spielt uns zu und ins Herz, was uns draußen im Alltag des Glaubens bewegen soll.  So gibt es gute Gründe, sowohl für das Sitzen als auch für das Gehen. Vielleicht haben wir in Bammental eine gute Sitte gefunden: in der Regel gehen wir unter dem Klang der Orgel oder der Posaunen und lassen uns erfüllen mit Tönen der Freude für den bisweilen grauen Alltag. Diese Regel gibt Verlässlichkeit. Alle wissen, wie es geht! Aber hin und wieder- wenn die Umstände es nahe legen- können wir in aller Freiheit auch abweichen von dieser Regel und lassen im Sitzen nachklingen, was uns bewegt.

Ist die evangelische Kirche katholisch?
Wenn wir ökumenische Gottesdienste feiern und gemeinsam das Glaubensbekenntnis sprechen, kommen wir an einer Stelle leicht aus dem „Takt“. Römisch-katholische Christen bekennen die „heilige katholische Kirche“, während evangelische Christen statt katholisch „christlich“ sagen. Wieso gehen wir beim Glaubensbekenntnis gerade an dieser Stelle „auseinander“?
Kommen hier unterschiedliche Vorstellungen von Kirche zum Tragen? Ein Blick auf die Herkunft des Wortes ‚katholisch’ könnte weiterhelfen.
Das Wort stammt aus der griechischen Sprache und bedeutet „über die ganze Erde erstreckend“, ist also gleichbedeutend mit dem Wort Ökumene. Das Glaubensbekenntnis, das zunächst in griechischer Sprache verfasst wurde, bekennt also die eine katholische Kirche. So wird daran erinnert, dass die Kirche nicht in einer Vielzahl getrennter und nebeneinander stehender Kirchen, sondern in der wesenhaften Einheit des Geistes  ( Epheser 4,1-6) als der eine „Leib Christi“ alle an Christus glaubenden Menschen in aller Welt umfasst. Mit der ganzen Christenheit bekennen wir uns auch als Evangelische Christen und Christinnen zu dieser einen allgemeinen christlichen Kirche. Bei allem Gegensatz gegen die Fehlentwicklungen der mittelalterlichen Kirche legten die Reformatoren entschiedenen Wert darauf, zu dieser „katholischen“ Kirche zu gehören. Erst sehr viel spätere Zeiten haben im Widerspruch dazu das Wort „katholisch“ der römischen Kirche überlassen und damit einen Sprachgebrauch gefördert, in dem der wahre Sinn dieses Wortes vergessen ist.
Katholisch meint also nicht „römisch-katholisch“ im Sinne einer Konfession, sondern schlicht und einfach „allgemein christlich“. Wenn wir also bei ökumenischen Gottesdiensten beim Glaubensbekenntnis leicht aus dem Takt geraten, dann erinnern wir uns gegenseitig: die evangelische Kirche ist nur evangelisch, wenn sie zur einen katholischen Kirche gehört und die römisch-katholische Kirche denkt gut evangelisch, wenn sie sich als Teil der einen weltweiten christlichen Kirche versteht.

Was ist eine Intinctio?
Vielleicht denken Sie an Tinktur oder gar an Instinkt. Ihr Instinkt täuscht nicht, wenn Sie vermuten, dass es sich hier um einen typisch kirchlichen Sprachgebrauch handelt. Das lateinische Verb, das dem Substantiv Intinctio zugrunde liegt, bedeutet eintauchen.  Intinctio bezeichnet das Eintauchen des Brotes in den Wein beim Abendmahl. Diese Praxis ist in den orthodoxen Kirchen die Regel. Bei uns in Baden ist diese Form der Austeilung und des Empfangs des Abendmahls nicht üblich, aber ausdrücklich erlaubt in der „Lebensordnung Abendmahl“, die unsere Synode im April 2008 beschlossen hat. Vor einigen Monaten, als die Schweinegrippe grassierte, haben Menschen von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Auch bei Erkältung empfiehlt es sich, den Kelch nicht zum Mund zu führen, sondern das Brot in den Wein einzutauchen. Möglich ist auch, auf den Kelch zu verzichten. Die Lebensordnung sieht auch darin eine „zulässige Form der Teilhabe am Abendmahl“. Im gesegneten Brot empfangen wir nichts Halbes, sondern den ganzen Christus.  Um den Gemeinschaftscharakter zu betonen, sieht die Lebensordnung den Gemeinschaftskelch als Regelform vor. Nur in Ausnahmefällen ( z.B. beim Krankenabendmahl oder in Senioren-und Pflegeheimen) sollten Einzelkelche benutzt werden. Den Reformatoren war der Gemeinschaftskelch ganz wichtig, weil sie darin eine „stiftungsgemäße“ Praxis erkannten und die Gemeinschaft mit Christus und untereinander deutlich zum Ausdruck gebracht sahen. Menschen, die hygienische Gründe vorbringen, sollten bedenken, wie viel wir im Alltag „unbedenklich“ in die Hand nehmen und zum Mund führen. Bei der Austeilung beim Abendmahl wird der Kelch gedreht und häufig mit einem in Alkohol getränkten Tüchlein gereinigt.  In der Regel verwenden wir Wein beim Abendmahl. Die Lebensordnung erlaubt auch die Möglichkeit, dass Wein und Traubensaft an verschiedene Gruppen ( etwa Kinder) ausgeteilt werden.  Ganz im Sinne des Erfinders wird es sein, wenn es beim Abendmahl  zur Tinktur kommt und wir „eingefärbt“ werden von der Liebe Jesu, dessen Gäste wir sind und dessen „Hingabe“ wir schmecken- mit oder ohne Intinctio.

Advent als Fastenzeit
Sie wissen, was am 11.11. um 11.11 Uhr los ist? Sie wissen es und haben sich sicher schon gewundert, warum ausgerechnet im November, in der „ernsten“ Jahreszeit, die Narren ( in der Zeitung) auftauchen. Wahrscheinlich ist dieser Brauch eine ferne Erinnerung daran, dass die Adventszeit einmal früher begann und die Menschen dann vor Beginn der adventlichen Fastenzeit sich noch einmal „ausgelebt“ haben.
Das erste sichere Zeugnis für die Begehung einer Adventszeit stammt von Bischof Perpetuus von Tours ( gest. 490). Er forderte für die Zeit vom 11. November bis Weihnachten ein dreimaliges Fasten in der Woche. Dahinter verbirgt sich vermutlich ein älterer Brauch: Die gesamte Zeit zwischen dem 11. November und dem Erscheinungsfest am 6. Januar, also insgesamt acht Wochen, wurde als Fastenzeit begangen. Folgt man der östlichen Sitte, nach der an Samstagen und Sonntagen auch während der Fastenzeit nicht gefastet wurde, kommt man auf genau 40 Fastentage in der genannten Zeitspanne. Der Brauch stand wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Taufvorbereitung: Vor allem im Osten wurde Epiphanie ( 6. Januar) neben der Osternacht zum zweiten großen Tauftermin des Jahres. Der ursprüngliche Beginn der Adventszeit am 11.November erklärt auch, dass das – von uns heute so genannte- Ende des Kirchenjahres und die dann folgende Adventszeit ihrem Ursprung, ihrem Gehalt und ihrer Gestaltung nach zusammenhängen. Das Motiv der „Ankunft“ und der „Wiederkunft“ des Erlösers prägt die Gottesdienste in dieser Zeit.

Sucht sich der Pfarrer selbst den Predigttext?
Woher weiß eigentlich der Pfarrer, worüber er zu predigen hat?  In der Regel hält er sich an den vorgegeben biblischen Text. Zu jedem Sonntag gehören 6 biblische Texte, die im Laufe von 6 Jahren gepredigt werden. So erschließt sich der Gemeinde im Laufe der Jahre das weite Panorama biblischer Botschaft. Mit dem 1. Advent beginnt nicht nur ein neues Kirchenjahr, sondern immer auch eine neue „Predigtreihe“. Ab dem 1. Advent in diesem Jahr wird nun ein Jahr lang jeweils über das Evangelium des Sonntags gepredigt. Die Evangelien bilden die erste gottesdienstliche Lesungsreihe und geben dem Sonntag  ihr Gepräge. Unter der Nummer 891 finden Sie in Ihrem Gesangbuch die gottesdienstlichen Lesungen jedes Sonntags im Kirchenjahr. So können Sie selbst „nachprüfen“ ob sich Ihr Pfarrer  an die „Regel“ hält.  Das Evangelium, das am 1. Advent gelesen wird, steht bei Matthäus Kapitel 21, die Verse 1-9 und erzählt die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Die Predigtreihe II enthält die Episteln. Wir nennen sie so, weil diese Abschnitte alle aus den Briefen des Neuen Testaments stammen. Dem liturgischen Kalender entnehmen Sie auch den jeweiligen Wochenspruch, der oft den Grundgedanken des sonntäglichen Evangeliums auf den Punkt bringt.  Darüber hinaus werden noch der Wochenpsalm,das Wochenlied und die liturgische Farbe angegeben. Die Farbe akzentuiert die „Färbung“ der Kirchjahreszeit und stimmt mit den Behängen an Altar, Kanzel und Talar überein.  Weitere Hinweise zur Gestaltung des Kirchenjahres und zur Bedeutung der Farben finden Sie unter der Nummer 890 im Gesangbuch. Noch ein Tipp für alle, die Zugang zum Internet haben: auf der Homepage der  Vereinigten evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland (velkd) finden Sie zu den einzelnen Sonntagen eine kurze hilfreiche Einführung, in der das Evangelium, die Epistel und die alttestamentliche Lesung erschlossen und aufeinander bezogen werden. Außerdem gibt ein Wochengebet Anregungen für das persönliche Beten „vom Sonntag her“.

Österliche Fastenzeit
Ostern ist immer der erste Sonntag nach dem Frühlingsvollmond.
Ostern vorgelagert ist die 40-tägige Fasten- oder Passionszeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt. In der Bibel wird die Zahl 40  in unterschiedlichen Zusammenhängen erwähnt: Jesus fastet 40 Tage und Nächte, bevor er öffentlich auftritt. 40 Tage ist Elia in der Wüste unterwegs bis zum Berg Horeb, wo eine neue Erfahrung mit Gott auf ihn wartet. 40 Jahre ist das Volk Israel unterwegs ins gelobte Land. Die Zahl 40 steht also symbolisch für eine Zeit der Bereitung und Besinnung. Ostern braucht auch innere Vorbereitung. Wir begleiten Jesus auf seinem Weg ins Leid und ans Kreuz. Wer dem Dunklen nicht ausweicht, erlebt umso intensiver den Ostermorgen und die Gute Nachricht, dass Christus stärker ist als Sünde und Tod. In den Wochen vor Ostern „fasten“ wir auch im Gottesdienst. Das Halleluja und das Gloria (Ehre sei Gott in der Höhe) verstummen und erklingen erst wieder am Ostermorgen. Die Paramente an Altar und Kanzel und die Stola des Pfarrers  haben die Farbe violett, die Farbe der Umkehr und der ernsten Besinnung. In diesem Jahr verzichten wir auch auf den Blumenschmuck auf dem Altar. So werden die Osterglocken an Ostern umso strahlender vom Ostersieg Jesu leuchten. An den Freitagen in der Passionszeit läutet die Totenglocke um 15.00 Uhr und erinnert an die Sterbestunde Jesu. Ab Karfreitagabend werden auch die Glocken verstummen und  erst in der Osterfrühe, nach dem Verlesen des Osterevangeliums in vollem Klang die Auferstehung Jesu  be-tonen.  

Ist sich bekreuzigen katholisch?
Hierzulande gilt das Sich-bekreuzigen als ein typisch katholischer Brauch. Aber auch viele evangelische Pfarrer und Pfarrerinnen schlagen beim Segen über der Gemeinde ein Kreuz, und Kinder werden nach der Taufhandlung mit dem Zeichen des Kreuzes gesegnet. Woher kommt dieser Brauch, was bedeutet er und wie wird er vollzogen?
Pfarrer Wolfgang Max, Leiter der Fachstelle für Geistliches Leben in der badischen Landeskirche, hat sich darüber Gedanken gemacht.
„Das Kreuzeszeichen wurde bereits in der alten Kirche geübt, Martin Luther erwähnt es als selbstverständlichen Brauch beim Morgen- und Abendsegen (Evangelisches Gesangbuch 808,1; 814.1).
Wie wird das Kreuzeszeichen vollzogen?
Es gibt heute vor allem zwei Weisen, das Kreuzeszeichen zu vollziehen, die westliche, also die katholische und lutherische, und die östliche Weise.
Beiden Möglichkeiten ist gemeinsam, dass das Kreuz ruhig und in nicht zu kleiner Gebärde geschlagen wird. In der Regel nimmt man dazu die rechte Hand. Entweder mit Zeige-  Mittel- und Ringfinger (Westen) oder  mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger (Osten) werden Stirn und Brust und beide Schultern berührt, die rechte und dann die linke Schulter, wie in der Orthodoxie oder umgekehrt, zuerst die linke und dann die rechte Schulter, wie es in der Westkirche geübt wird. Die orthodoxe Art kann interpretiert werden als Weg von außen nach innen, als Verbindung von Verstand, Gefühl und Handeln mit dem Herzen, in der westlichen Welt geht der Weg umgekehrt vom Verstand und Empfinden über das Herz ins Tun. Die jeweilige Anzahl von Fingern wird mit der Dreieinigkeit Gottes und den beiden Naturen Christi, wahrer Mensch und wahrer Gott, in Verbindung gebracht.
Zum Kreuzeszeichen gehören die laut oder still gesprochenen Worte: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. (Matthäus 28,19)
Ist es mir möglich, es aufrecht stehend zu vollziehen, verbinden sich oben und unten, Himmel und Erde, die Welt zu meiner Rechten und die Welt zu meiner Linken. Ich gründe und erde mich, lasse mich aufgerichtet sein zum Himmel hin und bin offen für die Welt um mich.
Mit dem Kreuzeszeichen stelle ich mich bewusst in die Gegenwart Gottes, von dem und durch den und zu dem alle Dinge sind und dem auch ich zu eigen bin. (Röm.11,36; 14,7ff).
Das Kreuzeszeichen vergegenwärtigt mir meine Taufe auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Das Kreuzeszeichen verbindet mich mit Christus dem Gekreuzigten. Auf seinem Weg ans Kreuz hat er der Welt bis in die letzte Konsequenz Gottes Liebe bezeugt.
Das Kreuzeszeichen verbindet mich mit anderen Christen, die mit mir auf dem Weg der Nachfolge des Gekreuzigten sind und waren. Es trennt nicht die Konfessionen, sondern verbindet sie.

Das Kreuzeszeichen ist ein Segenszeichen. Die Zuneigung Gottes kommt auf mich herab, will mich erfüllen und durch mich hindurch weiterfließen.
So kann das Kreuzeszeichen bewusst, wie bei Martin Luther, am Anfang und am Ende eines Tages stehen, es kann mich bezeichnen, wenn ich das Haus verlasse, wenn ich eine Arbeit beginne, wenn ich im Lauf eines Tages eine Glocke läuten höre. Es kann zum Ausdruck des Danks oder zum Stoßgebet werden, mich begleiten bei freudigem und beängstigendem Erschrecken. Am Anfang eines Gottesdienstes kann es die Vergegenwärtigung des Gegenwärtigen bedeuten (2. Mose 3,14) und am Ende die Gewissheit des mitgehenden Segens (1. Mose 12,1-3).“

Das entbäffnete Pfäffchen
Helmut Oess, Pfarrer im „dichtenden“ Ruhestand, gab vor Jahren ein Buch mit dem Titel  „Das entbäffnete Pfäffchen“ heraus, in dem er seine „Limericks aus der Pfarre“ veröffentlichte. Der Limerick, der dem Büchlein den Namen gab, heißt:

„Es hatte ein Pfarrer ein Äffchen,
das stahl ihm sein einziges Bäffchen;
sprang hoch in den Chor.
Da blickte empor
ganz baff ein entbäffnetes Pfäffchen.“

Manche Bammentaler sind auch „baff“, weil ihr Pfarrer kein „Beffchen“ trägt, also auch ein „entbäffnetes Pfäffchen“ zu sein scheint.

In der Tat: das ist auffällig, gehört doch zur normalen Amtstracht des evangelischen  Pfarrers der knöchellange schwarze Talar mit dem weißen Beffchen. Seit ich aber über dem schwarzen Talar eine Stola trage in der entsprechenden Farbe des Kirchenjahres, habe ich auf das Beffchen verzichtet. Ästhetische Gesichtspunkte haben mich zu dieser Praxis geführt. Stola und Beffchen passen irgendwie schlecht zusammen und sehen nicht „gut aus“. Der Verzicht auf das Beffchen fiel mir nicht schwer, hat es doch in liturgischer Hinsicht keine Bedeutung. Das Beffchen (auch Bäffchen, von lateinisch biffa „die Halsbinde“) war ein im 17. Jahrhundert am Halsausschnitt getragenes 10–15 cm langes rechteckiges weißes Leinenstück und sollte den „Rock“ vor dem Bart des Mannes schützen.

Ab 1680 gehörte eine Halsbinde mit zwei auf die Brust herunterhängenden, nur wenige Zentimeter breiten Leinenstreifen zur bürgerlichen Tracht der Männer. Erst im 19. Jahrhundert wurde durch die Anordnung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. das Beffchen mit schwarzem Talar zum liturgischen Kleidungsstück im evangelischen  und im jüdischen Gottesdienst. Das Beffchen ist also kleidungsgeschichtlich ein Überbleibsel aus vergangenen Mode-Zeiten. Es transportiert keine „tiefere“ Botschaft. Die Stolen dagegen nehmen die wechselnden Farben  der Behänge an Kanzel und Altar auf und „unterstreichen“ farblich den jeweiligen Charakter der Kirchjahreszeit. Freilich: der biblische Text ist im Gottesdienst wichtiger als alle Textilien! Aber wenn die Textilien auf ihre Weise den Text und seine Botschaft „verkündigen“, ist aus evangelischer Sicht nichts dagegen einzuwenden. Sie sind nicht „heilsnotwendig“, aber sie dürfen mithelfen, die Freude am Heil auch sinnlich zu wecken.
Vielleicht  verstehen die Bammentaler jetzt besser ihr „entbäffnetes Pfäffchen“!

Ja und Amen
Menschen, die zu allem „Ja und Amen“ sagen, haben wohl kein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Ihnen fehlt der eigene Standpunkt, von dem aus sie andere Meinungen und Vorgänge kritisch beurteilen können. Sind Christinnen und Christen unkritische Ja-Sager?  Im Gottesdienst sagen wir mehrmals „Ja und Amen“.  Gleich zu Beginn bestätigen wir singend mit unserem Amen, dass wir im Namen des dreieinigen Gottes versammelt sind. Gebete, die der Pfarrer spricht, werden in der Regel von der Gemeinde mit Amen bejaht. Hin und wieder sagen auch Gottesdienstbesucher nach der Predigt  laut und deutlich „Amen“ und geben so ihre innere Zustimmung zum Inhalt der Predigt. Mit einem besonders feierlichen dreifach gesungenen Amen geht der Gottesdienst zu Ende. Werden wir durch die Liturgie „verführt“ zum unkritischen „Ja und Amen“- Sagen? Hoffentlich nicht. Es mag ja Situationen geben, in denen uns das Amen nicht über die Lippen kommt, auch im Gottesdienst nicht. Vielleicht regt sich innerlich Widerspruch zu dem, was da gesungen, gebetet und gepredigt wird. Dann müssen wir nicht zu allem „Ja und Amen“ sagen. Gut, wenn wir dann mit Menschen ( auch mit dem Pfarrer) über das sprechen können, wo sich in uns Widerspruch meldet. Manches kann sich im Gespräch klären lassen. Und doch: Amen ist ein Ur-Wort der Liturgie. Es kommt aus der hebräischen Sprache und bedeutet so viel wie: „Ja. So ist es!“ oder „Ja! So soll es sein!“  Es ist ein Ausdruck der Zustimmung, mit dem Gehörtes auch persönlich angeeignet wird. Es lockt heraus aus der Haltung des unbeteiligten Zuschauers und hilft uns Farbe zu  bekennen und Standpunkt  zu beziehen. Es ermutigt auch den Pfarrer, wenn er merkt, dass seine Worte nicht ins Leere gehen, sondern mit dem Herzen aufgenommen und bestätigt werden. Letztlich geht es aber darum, dass wir mit unserem Amen die Zusagen Gottes ganz persönlich und als Gemeinde annehmen und uns auch seinem Anspruch stellen.

Wir grüßen einander
Wenn Menschen einander begegnen, dann grüßen sie einander. Wir wünschen einen „Guten Morgen“ oder einen „Guten Tag“  und in diesem Grüßen äußert sich der Wunsch, die Zeit, die wir erleben und in der wir einander begegnen, möge „gut“ sein. Der schwäbische Gruß „Grüß Gott!“ meint eigentlich „Gott grüße(segne) dich!“ und erinnert daran, dass jeder Gruß ursprünglich ein Segenswunsch ist. Der Gruß hat seinen Sitz im Alltag, aber auch im Gottesdienst tauschen Liturg und Gemeinde einen Wechselgruß aus mit den Worten: „Der Herr sei mit euch – und mit deinem Geist!“  Das klingt feierlich und für viele vielleicht auch etwas altertümlich, aber es ist ein notwendiger Gruß. Pfarrer und Gemeinde grüßen einander mit dem Wunsch, dass sie die wirkende und heilsame Gegenwart Gottes erfahren und sie so im Gottesdienst, beim Singen und Beten, Reden und Hören, Sehen und Schmecken Gutes von Gott empfangen. Der Wechselgruß ist also keine überflüssige Floskel, sondern spricht auf das Kürzeste diesen Segenswunsch aus, dass alles im Gottesdienst in der heilsamen Gegenwart Gottes geschehe. Die Gottesdienstbesucher und -besucherinnen brauchen den „Herrn“, damit aus dem Publikum eine Gemeinde wird, und der Pfarrer oder die Pfarrerin braucht den „Herrn“ und die grüßende Fürbitte der Gemeinde, damit aus dem Auftritt ein ermutigender Dienst wird, durch den Gott seine Gemeinde baut und am Leben erhält. Aber darum ist es wichtig, dass die Gemeinde wirklich grüßt mit den Worten: „Und mit deinem Geist!“ und nicht das den Sinn des Grußes zerstörende „Und mit seinem Geist!“ spricht. Wenn vom „Geist“ des Liturgen geredet wird, dann meint dies nicht nur den Verstand oder den denkenden Geist, sondern die ganze Person auch und gerade in ihrer leiblichen Gegenwart. Der ganze Pfarrer, seine Haltung, seine Stimme, sein Sehen und Hören und alle Kräfte seines Gemütes sollen von der lebendigen und wirkenden Gegenwart Gottes durchdrungen und in Anspruch genommen werden.
Darum meine Bitte: grüßt mich wirklich, so wie auch ich euch dem lebendigen Gott und seinem Guten anbefehle, wenn ich euch grüßend zuspreche: „Der Herr sei mit euch!“

„Ausländisch“ singen
Im Gottesdienst singen wir immer wieder „ausländisch“.  Der Frauenkreis hat vor einiger Zeit alle „ausländischen“ Worte zusammengetragen und sich ihre Bedeutung klar gemacht. „Amen“ stammt aus der hebräischen Sprache und heißt „Ja, so ist es. So soll es sein!“ In der Regel bekräftigt mit diesem Wort die Gemeinde das Gebet, das der Pfarrer gesprochen hat. Neuerdings trauen sich die Bammentaler auch, die Predigt ihres Pfarrers mit ihrem „Amen“ zu bestätigen. „Halleluja“ ist ebenfalls hebräisch und  kann mit „Lobet Gott!“ übersetzt werden. In manchen Liedern und im Heilig-Gesang beim Abendmahl begegnet uns das Wort „ Herr Zebaoth“, das ebenfalls aus dem Hebräischen stammt. Ursprünglich meint es den „Herrn der Heere“ und dabei sind wohl Soldaten im Blick. Im übertragenen Sinn ist Gott gemeint, der von den „himmlischen Scharen“ umgeben ist und in deren Lobpreis wir in der Liturgie einstimmen. Aus der griechischen Sprache stammt der Ruf „Kyrie eleison“, den wir als Gemeinde oft im Wechsel mit Kantor oder Chor singen. Gemeint ist die Bitte: „Herr, erbarme dich!“ und in dieser Bitte schwingt zugleich Huldigung und Anbetung mit.  In dem wir in der Liturgie diese hebräischen und griechischen Urlaute des Glaubens singen, bleiben die Ursprüngen unseres Glaubens lebendig, die im Volk Israel und in der frühen griechisch sprechenden Kirche liegen.

EG
EG ist nicht die Abkürzung für eine eingetragene Genossenschaft, sondern für das Evangelische Gesangbuch. Das „alte“ Gesangbuch wurde mit EKG abgekürzt  und bedeutete Evangelisches Kirchengesangbuch. Die neue Bezeichnung deutet daraufhin, dass das EG nicht nur in der Kirche beim Gottesdienst gebraucht wird, sondern auch als persönliches Andachtsbuch Verwendung finden kann. Es lohnt sich, den dicken Anhang einmal in Ruhe durchzublättern. Neben einer Auswahl an Psalmen ( ab 700) , finden sich Hinweise zur Nottaufe ( 793), eine Anleitung zur Einzelbeichte ( 794) und eine reichhaltige Sammlung von Gebeten für die Tageszeiten, die Wochentage und für ganz unterschiedliche Anlässe und Lebenssituationen ( ab 805 ).Wenn uns die Worte fehlen, werden wir in diesen Gebeten fündig werden, so dass wir sehr persönlich von Freud und Leid, Kummer und Sorge sprechen können. Wer sich gründlicher mit dem auseinander setzen möchte, wie Menschen vor uns ihren Glauben „auf den Punkt“ gebracht haben, wird sich an die Bekenntnisse und Glaubenszeugnisse halten, die in einem Zeitraum von fast 2000 Jahren entstanden sind. (Im Reformationsgottesdienst wird über die erste Frage im Heidelberger Katechismus gepredigt, deren Antwort Sie unter der Nummer 884 nachlesen können.) Der Liturgische Kalender ( 891) informiert über die dem jeweiligen Sonntag zugehörenden Predigttexte und erklärt den Aufbau des Kirchenjahres.
Das EG  ist seit 1995 in Gebrauch. Der sogenannte Stammteil umfasst die Lieder 1-535, die alle Landeskirchen in Deutschland gemeinsam haben. Wenn also in Hamburg das Lied Nr. 334 an der Liedtafel angeschlagen ist, dann wird die Gemeinde dort ( wie in Bammental) das Morgenlied „Danke für diesen guten Morgen“ anstimmen. Neben dem Stammteil enthält das EG noch einen Regionalteil, in dem Lieder zusammengestellt sind, die nur für eine Region gelten. Unsere Badische Kirche hat ihren Regionalteil zusammen mit der Pfälzischen Kirche und den Kirchen im Elsass erarbeitet. Auch in der „Aufmachung“ gibt es Unterschiede. Das EG in Württemberg ist „bunter“ gestaltet und spricht auch manche Badener an. Aber: der Regionalteil ist nicht identisch mit dem Badischen.  Wer also im Badischen den Gottesdienst besucht, sollte unbedingt eine badische Ausgabe des EG mitnehmen, sonst kommt es ab den Nummern 540 zu einer babylonischen Sprachenverwirrung.

Losung für Montag, den 11. Dezember 2017

Der HERR segne dich und behüte dich.

4.Mose 6,24

Segnet, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt.

1.Petrus 3,9

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine
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